Im Beruf genau und präzise zu arbeiten, ist grundsätzlich positiv. Wir vertrauen darauf, dass der Chirurg bei der Operation alles richtig macht oder die Architektin Brücken und Häuser genau plant.
Auch privat streben wir oft danach, Dinge perfekt zu machen. Doch ab wann wird dieses hohe Anspruchsdenken – an uns selbst und an andere – zur Belastung?
„Wie hoch der eigene Maßstab an einen selbst ist, merken wir selten selbst. Hauptgründe zu überhöhter Leistung und Perfektion sind die Angst vor Fehlern, der Wunsch nach Aufmerksamkeit, Kontrolle, Zugehörigkeit oder Selbstverwirklichung, gab Marie Christin Sponheimer, Psych. Psychotherapeutin, in ihrem Online-Vortrag am 17. September einen ersten Einblick.
„‚Ich bin nicht gut genug‘, ist ein Glaubenssatz, der bei vielen tief in unserer leistungsorientierten Gesellschaft verankert ist“, erläuterte die Betriebspsychologin. Der Wunsch nach Zugehörigkeit und Anerkennung befeuert den selbstauferlegten Leistungsdruck. Vergleiche mit scheinbar perfekten Vorbildern aus Medien und sozialen Netzwerke können ebenfalls die eigene Selbstwahrnehmung negativ beeinflussen.
Darunter kann schnell das Selbstwertgefühl leiden. Unser „innerer Antreiber“ sagt uns: „Du musst erfolgreich sein.“ und erzeugt einen dauerhaften Leistungsdruck, der die eigenen Ansprüche immer weiter hochschraubt. Hinzu kommt noch der „innere Kritiker“, der uns sagt: „Du bist nicht makellos und somit wertlos.“ Jede Aktion wird kommentiert und abgewertet.
Vor- und Nachteile des Perfektionismus
Mache ich etwas besonders gut, erhalte ich Anerkennung und Lob. Das Erfüllen fremder Erwartungen schafft Zugehörigkeit und Stolz. Mein Streben nach bestmöglichen Leistungen schützt mich vor Fehlern, Versagen und Unsicherheit und fördert mein Selbstwertgefühl und meine Zufriedenheit.
Zweifellos ist bis zu einem gewissen Grad, den jede:r Menschen anders empfindet, Anstrengung und Leistung erstrebenswert und die Erfüllung der eigenen oder fremden Ziele bringen Stolz, Zufriedenheit und Sicherheit.
„Zu viel Perfektionismus jedoch können zu Stress, Überforderung, inneren Druck oder Abhängigkeit von äußerer Anerkennung führen“, warnte Sponheimer.
Es wächst die Gefahr körperlicher und psychischer Belastungen, die auch Folgen für die Leistungsfähigkeit mit sich bringen. Schlafstörungen, Verdauungsprobleme oder Muskelverspannungen sind erste Anzeichen, begleitet von gedrückter Stimmung, Antriebslosigkeit, Konzentrations- und Gedächtnisstörungen bis hin zu Suchterkrankungen und Burnout.
„Zu viel Perfektionismus befriedigt ab einem gewissen Punkt nur andere, indem wir z.B. dem Chef, den Kollegen oder der Familie deren Arbeit oder sogar die Verantwortung abnehmen“, sagte die Betriebspsychologin.
Selbstwert und Selbstfürsorge
Wichtig ist, die Balance zwischen „perfekter, fehlerloser Performance“ auf der einen Seite und auf der anderen Seite „gute/ausreichende Leistung“ zu finden und sich Fehlern, Versagensängsten und Selbstzweifel zu stellen.
Marie Christin Sponheimer empfahl, sich von Gedanken, wie „Nur wenn ich perfekt bin, bin ich etwas wert.“ oder „Ich messe mich am Ideal – nicht an der Realität.“, zu lösen, sich selbst und alte Muster hinterfragen, alte Einstellungen durch funktionalere zu ersetzen, Alternativen zu erarbeiten. Dabei helfen, eigene Bedürfnisse ernst zu nehmen, Pausen und Erholung einzuplanen sowie die eigene Gesundheit zu stärken.
Die Betriebspsychologin schwört auf das Wundermittel „Bewegung“. Sport und Bewegung fördern die innere Ausgeglichenheit, bewirken ein gutes Körpergefühl, unterstützen die Selbstwirksamkeit und bauen Stress ab.
Darüber hinaus gab Sponheimer nachfolgende Tipps:
- SMARTe Ziele* setzen
Statt sich zu sagen, „Ich möchte NEIN sagen lernen“, nehmen Sie sich vor: „Wenn ich morgen gefragt werde, ob ich länger arbeiten kann, dann werde ich NEIN sagen.“ - Erfolgstagebuch führen
„Heute ist es mir gelungen, NEIN zu sagen, als mein Chef mir eine Extraaufgabe gegeben hat.“ - Positive Affirmationen
„Statt zu denken: „Ich bin ein Versager.“ gehen Sie die Aufgabe mit dem Gedanken, „Ich werde mein Bestes geben und die Herausforderung meistern.“ an. - Notfallkoffer anlegen
Schreiben Sie sich selbst Notizen: „Was kann ich gut?“, „Was weiß ich?“ oder „Wer kann mir helfen?“ und sammeln Sie diese in Ihrem „Notkoffer“. - Stärkende Umgebung schaffen
Umgeben Sie sich mit Menschen und Orte, die Sie ermutigen, statt auszubremsen.
*SMARTe Ziele sind eine Methode, um Ziele klar und effektiv zu formulieren und damit erreichbar zu machen.
Die fünf Kriterien sind: Spezifisch, Messbar, Ausführbar, Relevant und Terminiert
Am Ende Ihres Vortrags empfahl Marie Christin Sponheimer, Fehler als Entwicklungschance zu sehen und als Lernquelle zu akzeptieren. „Fehler dürfen und müssen sein,“ betonte sie.
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BUCHTIPP
Wie wichtig für Marie Christin Sponheimer die Balance des Perfektionismus ist, zeigt sie mit ihrem ersten Buch „Sich von Perfektionismus befreien für Dummies“, das sie zusammen mit Julia Spiegel geschrieben hat. Darin enthalten sind auch praktische Anleitungen und konkrete Übungen, um einen „ungesunden“ Perfektionismus zu überwinden. ISBN: 9783527723225
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Persönliche Balance








